Warum können digitale Inhalte schlecht für das Gehirn sein?

Die ständige Flut digitaler Inhalte verwandelt uns in eine Welt von Überfliegern, was für unser Gehirn eine schlechte Nachricht ist.

Hier ist eine Zahl, über die man einmal nachdenken sollte: Der durchschnittliche Mensch nimmt jeden Tag etwa 34 GB an Daten auf. Diese Daten kommen in Form von Fernsehen, Musik, Werbung, Videos, emails, Webseiten und Apps. Das ist eine riesige Informationsmenge, vor allem wenn man bedenkt, dass der Konsum dieser 34 GB dem Lesen von 100.000 Wörtern entspricht.

Der von der University of California veröffentlichte Bericht hebt einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise hervor, wie der menschliche Verstand informationen aufnimmt und versteht. Während man vor einigen Jahrzehnten nur eine begrenzte Auswahl an Medien zum Lesen oder Beobachten hatte, steht heute eine riesige Vielfalt an Inhalten auf einer Vielzahl von Plattformen zur Verfügung, und das menschliche Gehirn musste sich anpassen, um all dies verarbeiten zu können.

„Die Menschen haben die Fähigkeit entwickelt, Texte zu überfliegen, also die erste Zeile zu lesen und dann schnell bestimmte Wörter oder Ausdrücke zu erkennen, die ihr Interesse wecken.“

Multitasking bei der Mediennutzung

Die Harvard-Wissenschaftlerin und Verfechterin der Lese- und Schreibkompetenz von Kindern, Maryanne Wolf, ist fasziniert davon, wie sich die Menschen an dieses neue „mediale Multitasking“ anpassen müssen. In ihrem jüngsten Buch, „Reader Come Home“: Das lesende Gehirn in einer digitalen Welt, versucht sie zu verstehen, was in unserem Gehirn vor sich geht, in einer Zeit, in der digitale Medien die traditionellen bei weitem überwiegen.

Sie stellt fest, dass die Menschen dank der Flut an digitalen Inhalten die Fähigkeit entwickelt haben, Texte zu überfliegen: Sie lesen die erste Zeile und erkennen dann schnell bestimmte Wörter oder Ausdrücke, die ihr Interesse wecken, anstatt den gesamten Text aufzunehmen. Während dies für einen Online-Artikel über die Haustiere von Prominenten vielleicht in Ordnung ist, erschwert es das Verstehen und Verarbeiten längerer, komplexerer Texte.

Das Problem bei der Unfähigkeit zum „tiefgehenden Lesen“ – also dem Prozess des Lesens, Aufnehmens, Verstehens und Analysierens von Texten – besteht darin, dass Menschen, die es gewohnt sind, digitale Inhalte nur zu überfliegen, alles meiden, was schwierig oder schwer zu verstehen ist. Für Erwachsene ist dies ein ernstes Problem; für Schüler könnte es verheerende Folgen haben.

„In dieser entscheidenden Phase des Übergangs zwischen Print- und Digitalkultur“, schrieb der Wissenschaftler kürzlich in einem Wächter Kommentar: „Die Gesellschaft braucht eine Auseinandersetzung mit dem, was im Bereich des fachlichen Lesens verloren geht, welchen Fähigkeiten unsere Kinder und alten Schüler nicht entwickeln und was wir dagegen tun können.“

Das zweisprachige Gehirn

Doch anstatt ein düsteres Bild von der Menschheit zu zeichnen, die durch digitale Medien irreparabel geschädigt wird, sieht Maryanne Wolf eine Lösung für diesen neurologischen Wandel: gedruckte Texte. Sie verweist auf eine Reihe von Studien, die belegen, dass das Lesen gedruckter Texte das Verständnis, die Analysefähigkeit und das Erinnerungsvermögen verbessert und dem Leser zudem hilft, Empathie für die Themen oder Figuren zu entwickeln.

Die Autorin geht ferner darauf ein, dass sich die frühkindliche Bildung zunächst auf den Einsatz gedruckter Materialien konzentrieren sollte, wobei digitale Technologien nach und nach hinzukommen sollten. „Wir brauchen eine neue Art von Gehirn“, schreibt sie, „ein ‚bi-literates‘ Lesegehirn, das in der Lage ist, sowohl in digitalen als auch in traditionellen Medien tiefgründige Denkprozesse zu durchlaufen.“

Doch ganz gleich, ob es sich um eine Klasse von Fünfjährigen oder einen Zug voller Pendler handelt: Das Lesen gedruckter Texte bietet eine Auszeit von den 34 GB an Daten, mit denen man täglich bombardiert wird, und ein intensives Leseerlebnis, das den Geist erweitert und trainiert.

„In den Neurowissenschaften gibt es eine alte Regel, die sich auch mit zunehmendem Alter nicht ändert“, sagt Maryanne Wolf. „Wer es nicht nutzt, verliert es.“

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